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Theater 1998 >>                           

                                          

Zuschauer fanden beim Antitheater und "Ende des Theaters" doch mehr zum Lachen

Zwei Premieren zur Eröffnung des alten Speichers / Theatergeschichten bestimmte das Programm

Theatergeschichten bestimmte das Abendprogramm am Sonntag im Dörenther Hafenspeicher. Das Fronz-Theater zeigte als Vorpremiere

in eimem etwa einstündigen Ausschnitt aus der Zwei-Personen-Revue "Die wunderbare, wunderbare sexy Welt des Theaters" der Briten

Tony Dunham und Richard H. Reeves den Beginn und das vorläufige Ende des Theaterspiels. Das Quasi-so-Theater hatte eigens für die

Eröffnung der neuen Spielstätte das absurde Anti-Theaterstück "Die kahle Sängerin" von Eugéne Ionesco in Szene gesetzt.

Dies berühmte Stück, eines der ersten Werke des "absurden Theaters" aus dem Jahr 1948, soll das Komische, vor allen in den Sprach-

klischees, bis zu den "Quellen des Tragischen" überzeichnen und überspitzen. Zu Beginn unterhält sich ein Ehepaar (herausragend 

Martina Brune und Peter Lefmann) beim Fünf-Uhr-Tee, indem jeder Banalitäten von sich gibt, ohne echten Bezug auf das, was der anders

sagt, oberflächlicher als ein Gespräch im Wartezimmer. Schlimmer noch verläuft ein Dialog ihrer Besucher (Rendel Bartsch und Udo

Eickelmann), die sich nicht erinnern können, ein Ehepaar in häuslicher Gemeinschaft zu sein.

   

   Das Ensemble von links nach rechts:

  Jens Dierkes, Martina Brune, Peter Lefmann, 

  Rendel Bartsch, Udo Eickelmann, Doris Rikeit

 

 

 

 

 

 

 

Der gemeinsame Teeplausch besteht eher aus peinlichen Pausen, bis ein Feuerwehrhauptmann (Jens Dierkes) auftritt, der um ein win-

ziges Feuer zum Löschen bittet und pointenlose Anekdoten zum Besten gibt. Dazwischen stellt das Hausmädchen (Doris Rikeit) mit

überspitzter Logik alles in Frage, ehe ein Scheingespräch mit Sprichwörtern, Floskeln und Lauten den sprachlichen Aberwitz auf die

Spitze treibt. Der Regisseur Michael Kneisel hat sich in der Personenführung gelegentlich doch auf die Sinnsuche begeben (Ehepaar 2

Feuerwehrmann), aber auch das zeitlos Komische der Gesprächssituation herausgearbeitet. Der Schock, den dies Theaterstück seiner-

zeit ausgelöst hat, tritt heute jedenfalls nicht mehr auf. Die Zuschauer im gut besuchten Speicher finden weit mehr zu Lachen als zum

Aufregen, werden die Quellen des Tragischen aber auch nicht entdeckt haben. Ob das heute überhaupt noch auf diese Weise möglich

ist, steht nicht erst seit Sonntag in Frage. Will Ionesco das Theater und seinen Illusionismus zerstören, so suchen Dunham und Reeves

durch Blicke tief hinter die Kulissen der Theatergeschichte nach Sinn und Zukunft dieses Metiers.

Zwei Schauspieler demonstrieren die Entstehung des darstellenden Spiels in der Steinzeit und gehen dann, (hier wurde radikal gekürzt)

direkt in die Neuzeit. "Wie werde ich als Schauspieler, wenn schon nicht gut, dann wenigstens reich?" ist die Frage, der die beiden 

dem "Universal Soldier" nachempfundenen ewigen Schauspieler nachgehen. Vergeblich, obwohl ihre Versuche als Tournee-Ensemble

und Schauspiellehrer nicht der Phantasie entbehren. Olle Determann und Jürgen Hecker präsentieren sich mit lockerer Exaktheit und

sprachlicher Präzision, die man ohne Übertreibung professionell  nenne darf. Das Werk, das im Herbst in Gesamtlänge gespielt werden

soll, ist zwar für Kenner der Theatergeschichte höchst witzig und amüsant, hat jedoch einige Längen, die trotz der darstellerischen 

Qualität nicht zu überspielen sind.

Der zweigeteilte Theaterabend im Speicher war aber auf jeden Fall einen Besuch wert.

Theaterkritik von Wilm Froese, veröffentlicht IVZ am 8. Juni 1998

 

zur Eröffnung des Kulturspeichers am 7. Juni 2008

Quasi-So Theater: "Die kahle Sängerin" von Eugene Ionesco

Wenn das Drama der Klassik sich bemüht, die sogenannten "ewigen Werte" in harmonisch schöner Form darzustellen, so geht Ionesco

genau den umgekehrten Weg: er reduziert unsere täglichen Verhaltensweisen auf das Klischee. Zwei Ehepaare, an denen alles bis zur

kleinsten Geste, bis zum verborgensten Gedanken genormt - "Made in England" - ist, treffen sich zum unvermeidlichen Tee. Die Gastgeber

Mr. und Mrs. Smith treiben im unermüdlichen Klatsch über Mahlzeiten, Krankheiten, Todesfälle. Mehr und mehr lösen die Worte sich von

ihrer Bedeutung. Sie werden zu bedrohlichen Schemen, die sich selbständig machen, wenn etwa das intensive Gespräch auf "Bobby

Watson, den Sohn des alten Bobby Watson, dem zweiten Onkel des Bobby Watson, der tot ist" übergeht.

Bei dem Besuch Mr. und Mrs. Martin wird der Zerfallsprozess der menschlichen Gemeinschaft vorgeführt. In eisiger Isolation und

anscheinend unbekannt treffen sich die Gatten hier und müssen sich erst in langwierigen Recherchen beweisen, dass sie zusammen

gehören. Ein geschwätziger Feuerwehrmann und ein deklamierendes Dienstmädchen ergänzen diesen Zirkus der Realitätszertrümmerung.

Die titelspendende "kahle Sängerin" taucht nur in einer kleinen belanglosen Randbemerkung auf - einer der boshaften Fußangeln Ionescos

für die unverbesserlichen Denkfleißigen und Verständnishungrigen unter den Zuschauern. Schließlich führt die konsequente Sinnentleerung

zur Demontage aller Ausdrucksmittel, in ein alogisches Kauderwelsch, zuletzt reines Geräusch, Vokalkaskaden und in entfesselten

Rhythmus. Und schließlich setzt es einen spitzbübischen hintergründigen Gag - die Vertauschung der Erlebnisvorgänge als äußerste

Konsequenz der Entpersönlichung: "Alle miteinander in allerhöchster Wut schreien sich gegenseitig in die Ohren. Das Licht wird

ausgedreht... Plötzlich bricht es ab. Die Bühne wird langsam wieder hell. Die Martins sitzen an der gleichen Stelle wie die Smiths zu

Beginn des Stücks. Das Ganze fängt von vorne an, die gleichen Sätze werden gesprochen, während der Vorhang fällt."

 

Fronz Theater: "Die wunderbare, wunderbare sexy Welt des Theaters" 

 

Eine Komödie in zwei Akten von Tony Dunham und Richard H. Reeves. Deutsche Fassung von Jan Bergrath

Harry Bullitt spielt seit 5000 Jahren professionell Theater; Tommy Gunn ist erst später, nach einem aufregenden Leben als griechischer

Fischer, zum Theater gekommen. Gemeinsam vermitteln sie dem Publikum in ebenso verrückten wie urkomischen Szenen, wie das

Theater entstanden ist und sich weiterentwickelt. Von den ersten mimischen Essays der Steinzeitmenschen über die Griechen und

Römer, von der szenischen Aufbereitung der Bibel über Shakespeare (viel Sex, aber keine Frauen auf der Bühne!) bis zu den Dramatikern

des 20. Jahrhunderts – nichts wird in ihrem Rückblick ausgelassen, und niemand wird verschont. – Zweiter Akt: die Gegenwart. Geld,

Ehrgeiz, Karriere überlagern die Geschichten von Romeo und Julia. Der verzweifelte Versuch, das Theater gegen das Entertainment zu

erhalten. Am Ende: Resignation? Oder hat das Theater noch eine Chance ... ?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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