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Theater 2007 >>

Abend bleibt Antworten schuldig

"Lesung und Musikalisches von Madame K."

Am Abend des Kirmessamstags musste man vielleicht nicht mit einem riesigen Interesse für eine Veranstaltung im Kulturspeicher Dören-

the rechnen. Trotzdem war es ungewöhnlich, dass auch eine Viertelstunde nach dem für 19 Uhr angekündigten  Beginn nichts auf eine

"Lesung und Musikalisches von Madame K." hindeutete. Barbara Müller, Delegierte des Dörenther Kulturspeichers, platzierte an der 

Theke einen Schinkenteller, dessen würziger Duft immerhin zwei Hunde anlocken konnte. Ein Ehepaar, das angesichts völlig leerer Stuhl-

reihen fragte, ob jetzt hier die Flötenmusik spiele, wurde mit einem Blick vertröstet. Die vier längst anwesenden Autoren waren wohl ange-

wiesen, frühestens halb acht zu beginnen. Eine offizielle Erklärung für die Verspätung gab es ebenso wenig wie die angekündigten "ge-

flöteten Abgesänge", um derentwillen ein Teil des Publikums erschienen war. Die Hörer - zu diesem Zeitpunkt war ihre Zahl einschließlich

der Organisatoren und Kinder auf sechszehn angewachsen - nahmen es teils gelassen, teils verärgert. Die Autoren Dirk Bußmann, Der

(Michael) Sauer, Arnold Schmieder und Susanne Thale stellten ihre Texte spontan neu zusammen, um auch ohne Musik etwas Abwechs-

lung zu bieten. Das gelang zweigellos, denn alle vier Autoren, die in einem nahe gelegenen Verlag (Große Dartmann Verlag Bramsche) 

eröffentlicht haben, vertreten bei ausgeprägt individuellen Stil auch unterschiedliche literarische Richtungen. So forderte Thale in Anspiel-

ung auf Johann Wolfgang von Goethe "mehr Sicht". Sie setzte ihre Sprachspielereien in einem Gedicht über Kinderträume fort, die sie am

Ende wieder relativierte: "Groß geworden / träume ich vom Träume-Morden."

Bußmanns eindrücklichster Text hieß "Kirchgang am Sonntag". Es handelt sich quasi um einen poetischen Sachtext, so feinsinnig be-

leuchtet er die widersprüchlichen Empfindungen einer alten Frau zwischen Realität und Wahn. Sauer setzte mit einer "Urlaubsgeschichte"

und anderen Texten dagegen mehr auf Übertreibung. Dabei mündete seine zuweilen auch ruppige Sprache gern im Poetischen: "... mit 

den Flügeln an der Wand außerhalb des Käfigs entlang streifen." Zu Schmieders Beiträgen zählte eine Gegenüberstellung eines neuen

und eines vor dreißig Jahren geschriebenen Textes über die Kindheit. Er versuchte das eigene Ich zu ergründen und schilderte "eine 

Mann, der sich ständig inszeniert / er erinnert sich nicht an sich / das ist alles". Nach einer guten Stunde mit anregenden sehr hetrogenen

Texten endete der offizielle Teil der Lesung. Statt der ursprünglich angekündigten Musik durfte Sauers kleiner Sohn seinen Zweizeiler

"Die Antwort" vortragen: "Ich kriege die Antwort und du nicht / du kannst sie nicht hören, weil sich nicht spricht." Das war der passende

Abschluss für eine Abend, der trotz der beredten Sprache der Autoren viele der angekündigten Antworten schuldig blieb.

Text: Sunhild Salaschek, veröffentlicht IVZ 4.9.07

  

 

"Lyriker legte bei seinem Vortrag hohes Tempo vor"      am 30.08.2007

Reinhard Thomelcik las im Kulturspeicher Dörenthe

Man kann es sich wirklich vorstellen: Da sitzt der Lyriker Reinhard Thomelcik, der am Donnerstagabend im Kulturspeicher am Hafen den

Kunstsommer mit einer Lesung fortsetzte, in seinem Tecklenburger Dichterstübchen und schreibt Ergreifendes über die Qualen des armen

Poeten. Und plötzlich fällt er ihm ein, der ultimative, jede Ergriffenheit abrupt beendende poetische Reimstoßseufzer auf "Durst": "Ach

wären mir Gedichte Wurst!" Zum Glück hat Thomelcik diese und andere Kapriolen seines Dichterhirns nicht wütend zerrissen, sondern

unter dem Motto "Poetische Purzelbäume" ausgefeilt und in einer Kladde gesammelt. Es waren also unveröffentlichte Werke, aus denen

er im Speicher las. Schade eigentlich, denn das Nachlesen und Nachspüren wäre sicher lohnend bei den Wort- und Gedankenspielereien

in der Nachfolge von Morgenstern oder Eugen Roth. Thomelcik hat keine Angst vor den großen Namen und riskiert sogar einen Vers, der

mit "Ein Mensch" anfängt. Und das Gedicht über den Nebel, in dem die Satzzeichen kaum zu erkennen sind,

was jede Zeile zweideutig macht, hat echte Morgensternqualitäten. Leider teilt Thomelcik mit vielen Dichtern 

das Problem, dass sie nicht die besten Rezitatoren der eigenen Werke sind. Bei seiner hohen Sprechge-

schwindigkeit bleibt nämlich manche Pointe unverstanden. Zudem verändert er, nicht immer gut artikuliert, 

die Stimme zur Ausmalung der sprechenden Personen. Das macht es nicht einfacher, die Antwort des

Professors auf die Frage, ob es außerhalb der Erde Intelligenz gebe, richtig einzuordnen, besonders, wenn 

er Recht hat: "Wohl kaum, und wenn, nur diese." Also mussten sich die Zuhörer gewaltig konzentrieren, um jedes Wort mitzubekommen.

Und oft kommt es auf jedes Wort an. Vielleicht nicht, wenn aus den Worten Urknapp, Ursprung, Ursuppe, Urquell und vielen anderen

geschlossen wird, der erste Mensch habe Ursula geheißen. Und die Aufstellanleitung nach Art eines besonderen Möbelhauses bleibt eh

unverständlich, bis zum letzten Bauteil: einem Brett, ungehobelt; ohne Zwingen und leicht am Kopf anzubringen. Da wird es ein bisschen

kabarettistisch.

Wie auch beim Schluss zum Mitspielen im Gedicht über den Dummkopf: "Da plötzlich sieht er ganz genau, / wie dumm er war. Das find

ich ... selten." Aber der Pirat, der den Kannibalen entkommt, nur um vom Meer verschlungen zu werden, das ist schon ein echter Purzel-

baum. Oder die Kleinanzeige: "Alleinunterhalter sucht zur Vervollkommnung seiner Kunst niemanden". Die ganz kleinen Texte enthalten

solche Perlen, doch auch längere "Balladen" haben ihren Reiz. Nachlesen müsste man sie halt können, um mitzupurzeln. Besonders

"bräselhaft" und nur im Vortrag richtig wirkungsvoll bleibt jedoch sein angeblich bestes Werk, das er ankündigt mit den Worten: "Ein

gutes Gedicht spricht für sich selbst."

Text: Wilm Froese, veröffentlicht IVZ 1.9.07

 

 

"Goethe hautnah, Gretchen, S. 89 ff"     27.04.2007 20:00 Uhr 

und am 18.08.2007 20:00 Uhr anlässlich der Kreiskulturnacht

Das es am Theater bisweilen verrückt zugeht, hatten die Zuschauer am Freitagabend

im Kulturspeicher Dörenthe schon geahnt. Aber so hätten sie es sich wohl nicht vor-

gestellt. Annette Ziellenbach und Uwe Kramer ließen bei ihrer Interpretation von Lutz

Hübners Komödie "Gretchen, S. 89ff" diverse Absonderlichkeiten von Regisseur und

Schauspielerin aufeinander prallen. Dabei fing es so schön und klassisch an. Annette

Ziellenbach als Gretchen sang mit zarter Stimme "Es war ein König in Thule" und Uwe

Kramer als Faust wagte es, "Arm und Geleit ihr anzutragen". Seine einschmeichelnde Stimme hätte selbst das sprödeste Mädchen zum

Schaudern gebracht. Aber die Idylle täuschte, denn nicht Goethes "Faust" stand im Mittelpunkt des Abends, sondern das groteske Ver-

hältnis von kaputten Typen auf dem Regiesessel zu den Darstellern der Margarete. Gleich in der ersten Szene ließ der Regisseur kein

gutes Haar an seiner jungen und unerfahrenen Mimin, und ihr Stoßseufzer kam aus tiefstem Herzen: "Auf der Schauspielschule haben 

alle gesagt, dass die Regisseure in der Provinz die Schlimmsten sind, aber ich wollte es nicht glauben". Nach diesem Auftritt war der

letzte Zweifel beseitigt.

Mit roter Pappnase und Zirkusmusik im Hintergrund stellten Ziellenbach und Kramer die Figuren nach, deren Macken aus dem Theater

Himmel und Hölle für alle Beteiligten machen. Das "Tourneepferd" zum Beispiel, ein besonders fieser Typ von Regisseur. Er gibt sich 

jovial, hat aber nichts weiter zu tun, als mit Wiener Schmäh junge Schauspielerinnen anzumachen. Für die Proben bleibt da wenig Zeit.

Der "Hospitant", von Autor Lutz Hübner als "Germanistikstudent mit problematischer Mischhaut" beschrieben, kocht ungenießbaren

Kaffee und steht mit leuchtenden Augen neben dem Regieassistenten. Er nimmt das Ensemble ernst, und stellt absurde Fragen, denen

die Truppe mit Unverständnis und Spott begegnet. "Küssen Schauspieler auf der Bühne eigentlich richtig?" "Nein?" "Lernt man denn auf

der Schauspielschule, wie man nicht küsst?" Die Neurosen der weiblichen Ensemblemitglieder gaben ebenfalls reichlich Stoff für eine

eigenwillige Interpretation der sogenannten "Kästchenszene" aus Goethes "Faust I" - im Reclamheft ab Seite 89 zu finden: Gretchen ent-

deckt eine Schmuckschatulle in ihrem Schrank, die Mephisto dorthin geschafft hat. Einem unerfahrenen Regisseur wird für die Probe eine

Zigarrenkiste ausreichend erscheinen. Eine wahre Diva wird dies naserümpfend zur Kenntnis nehmen und etwas Edleres fordern. Aber das

ist noch das Harmloseste, was sie dem armen Würstchen von Jungregisseur an den Kopf wirft. Mit spitzen Bemerkungen und der bösen

Frage "Regie haben Sie aber schon geführt?" bringt sie seine Ideen zu Fall und nimmt selbst auf dem Regiestuhl Platz.

Das Stück karikiert den gesamten Berufsstand und überzeichnet bis zur Groteske. Die beiden Akteure auf der kleinen Bühne in Dörenthe

agierten mir viel Spielfreude und erheiterten die Anwesenden mit der absurden Darstellung der einzelnen Typen. Am Ende glaubte der Zu-

schauer, dass es die wirklich gibt: die Dramaturgin mit ihrer unsinnigen Vorschlägen zum Text oder den "Freudianer", dem jede Szene

schlüpfrig gerät. Die Dialoge wurden immer genau auf dem Punkt gebracht und mit viel Augenzwinkern vorgetragen. Bewerber an einer

Schauspielschule sollten sich das Stück vorher ansehen. Die Zahl deren, die zum Vorsprechen erscheinen, würden sich drastisch redu-

zieren. Wenn der "Streicher" am Regiepult säße, gäbe es ohnehin kaum noch Text für einen Vortrag. Seine Lieblingssätze lauten: 

"Brauchen wir das?" und "Können wir das weglassen?" 

Die Komödie endete mit Fausts Worten "Die Uhr mag stehn, die Zeiger fallen, es sei die Zeit für mich vorbei!" Ein passender Abschluss 

eines höchst vergnüglichen Theaterabends, den das Publikum mit viel Applaus quittierte. 

Text: Brigitte Striehn, veröffentlicht IVZ 30.04.07

 

 

"Per Vers fesselte sein Publikum"   23.03.2007 20:00 Uhr

"Zirkuskind" - unterhaltsamer Abend im Kulturspeicher Dörenthe. 

Einen ganz besonderen Kulturhappen durften die Besucher des Kultur-

speichers Dörenthe am Freitag erleben. Der Schauspieler Christoph

Seeger-Zurmühlen vom Schauspielhaus Dortmund präsentierte unter 

seinem Künstlernamen Per Vers sein Programm "Zirkuskind". Die

Abschlussklasse der Fachoberschule für Gestaltung am Berufskolleg

Tecklenburger Land hatte unter Leitung von Heiner Dillmann eine Aus-

stellung erarbeitet, die unter dem Motto "Betreten neuer Räume" Eindrücke

vermittelte, wie man alte Räume wieder ganz neu für sich entdecken kann.

Die Schülerinnen und Schüler hatten sich darüber Gedanken gemacht, 

warum manche Räume wie Theater und Museen für Jugendliche so wenig

attraktiv sind und machten es sich zur Aufgabe, im Rahmen ihres Projektes

Räume mit ganz offenen Augen zu betreten und sie neu zu erleben - auch

Ansätze, was man verbessern könnte, waren willkommen. Im Rahmen 

dieser Ausstellung nun hatte sich der Schauspieler bereit erklärt, ein

Gastspiel im Kulturspeicher zu geben, das unter dem Titel "Wahnwitzige

Kleingeschichten und Reimereien" im Programm angekündigt wurde.

Er rezitierte Gedichte von Dichtern wie Erich Kästner oder Friedhelm Kändler 

sowie eigene Werke und gestaltete sie schauspielerisch aus. Das Publikum, das er dabei zeitweise aktiv mit einbezog, brauchte zu-

nächst eine Anlaufphase; so blieben die ersten Forderungen nach Einwürfen und Zwischenrufen unbeantwortet. Nach kurzer Eingewöh-

nungszeit schien sich das Auditorium dann aber auf das Programm eingelassen zu haben und der Vortrag wurde mit zahlreichen Lachern,

aber auch ernsten und nachdenklich zuhörenden Mienen quittiert. Die ausdrucksstarke Mimik und die Ausstrahlung des Künstlers taten

ein Übriges, sodass das Publikum einen unterhaltsamen und anregenden Abend erlebte, über den auch nach Abschluss des Programms

noch viel gesprochen wurde.

Text: ab, veröffentlicht IVZ 27.03.07

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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