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Theater 2002 >>

Menschliche Worte aus dem "schwarzen Schweigen"     1.11. 2002

Christel Müller las zum Thema "Tod"

Tod und Vergänglichkeit sind keine Publikumsmagneten. Das bekamen die Organisatoren der Veranstaltungsreihe zum Thema Vergäng-

lichkeit im Dörenther Kulturspeicher am Freitag, Allerheiligen, zu spüren. Nur eine Handvoll Zuhörer war zu der Lesung mit Christel Müller 

erschienen. Sie hatte eine eindrucksvolle Auswahl an Gedichten und Prosa-Texte zu diesem Themenkreis zusammengestellt. "Vielleicht

schreckt und der Tod, weil wir nicht genau genug hinsehen?", überlegte die Rezitatorin zu Beginn des Abends. Beim genauen Hinhören

musste der Tod am Freitagabend jedenfalls nicht schrecken. In Texten von Hugo von Hoffmannsthal, Marie Luise Kaschnitz, Matthias

Claudius und vielen mehr erschien er oft als Moment der Versöhnung. Im Gespräch nach der Lesung äußerte Dr. Gerd Overmeyer die

Vermutung, dass es weniger der Tod als vielmehr das Sterben sei, dass dem Menschen Angst mache. Dazu passte die Erzählung von 

Leo Tolstoi, "Der Tod des Iwan Illitsch", dessen Sterben von einem dreitägigen Schrei begleitet wird. Dann endlich tilgt der Tod Angst und

Schmerz und bringt Licht und Freude.

Christel Müller vermittelte die Idee von Erlösung und Verheißung mit einer sanften, zuweilen zärtlichen Stimme. Trauer und Depression

klangen dagegen mit in Gedichten von Annette von Droste Hülshoff oder Theodor Storm. In Abgründe führte die Vorleserin ihre Zuhörer mit

Gedichten von Werner Koch und Paul Celan. Aber hier ist es nicht der Tod, sondern der Mensch, der das Grauen hervorruft. Wie ein

schwarzes Loch sauge der Horror der Vernichtungslager alles Licht, alle Energie in sich hinein, so Christel Müller. Dass sogar aus diesem

"schwarzen Schweigen" Menschen Worte zu uns bringen, ist für sie ein Argument, genau hinzusehen und zu hören.

veröffentlicht IVZ 2.11.2002

 

Mit nachdenklichen Gesichtern verließen die Zuhörer den Kulturspeicher

Wilfried Nachtwei sprach über das Schicksal der ehemaligen "Nachbarn von nebenan"              am 8. November 2002

Als erstes war ein Schulfoto auf der Dia-Leinwand zu sehen, das vielen anderen gleicht: Jungen und Mädchen mit ihren Lehrern auf einer

Schultreppe. Einige Kinder lächeln, andere gucken verschmitzt in die Kamera. Erst die Erläuterungen gaben dem Foto von 1940 seine

besondere Bedeutung: Die meisten dieser 24 jüdischen Schüler wurden ein Jahr später nach Riga verschleppt. Nur drei überlebten, unter

ihnen Irmgard Heimbach und Ewald Aul aus Osnabrück. Am Vorabend des 64. Jahrestages der Pogromnacht von 1938 schilderte der

Münsteraner Wilfried Nachtwei, Lehrer und seit 1994 Bundestagsabgeordneter der Grünen, anhand von Fotos, Landkarten und Stadtplänen

der Schicksalsweg dieser ehemaligen "Nachbarn von nebenan" - so der Titel seines Vortrag - im Dörenther Kulturspeicher. 

Etwa 1000 Juden wurden am 13. Dezember 1941 von Münster, Osnabrück und Bielefeld, also aus der unmittelbaren Umgebung Ibben-

bürens, in einen Zug in die lettische Hauptstadt Riga verfrachtet. Genaueres über die Situation nach der Ankunft im dortigen Ghetto, nach-

dem zuvor 15000 lettische Juden erschossen worden waren, um Platz zu schaffen für die Deportierten

aus dem Westen, erfuhr Nachtwei von den beiden Osnabrücker Überlebenden dieses Transportes, Irmgard 

Heimbach und Ewald Aul. Bei einem gemeinsamen Besuch in Riga 1991 schilderten sie, wie sie als 14-jährige

mit ihren Eltern gefrorene Essensreste der vorherigen Bewohner in ihren Unterkünften vorfanden. Und wie sie

sich in den folgenden Jahren von 200 Gramm Brot täglich, gefrorenen Kartoffeln, Fischköpfen und Kohlabfällen

ernähren mussten. Hitlers geplante "Endlösung", der viele der "Nachbarn von nebenan" schließlich zum Opfer

fielen, ging nicht ohne tatkräftige Mitwirkung vonstatten, wie Nachtwei deutlich machte: An der Deportations-

vorbereitung waren städtische Beamte und Angestellte genauso beteiligt wie Vertreter von Oberfinanzdirektion, 

Gestapo, des Oberpräsidenten und des Polizeipräsidenten. Angestellte der Wirtschafts- und Rechtsämter und die "Nationalsozialistische

Volkswohlfahrt" unterstützten sie. Mitglieder westfälischer Polizeibataillone waren in ihre Vernichtung im Osten verwickelt. In Lettland wie

in Deutschland wurden die Ereignisse zunächst aus dem kollektiven Gedächtnis ausgeblendet. Lediglich individuelles Gedenken kam in

Grabsteininschriften wie zum Beispiel "verschollen in Riga" auf jüdischen Friedhöfen zum Ausdruck.

Jüngeren Menschen heute kommen die 60 Jahre zurückliegenden Ereignisse der NS-Zeit oft genauso weit entfernt vor wie etwa die 

napoleonischen Kriege. Aber den Überlebenden sind sie oft noch täglich beziehungsweise nächtlich präsent, wie Nachtwei in Gesprächen

erfuhr. Sehr nachdenklich verließen die Zuhörer zu später Stunde den Kulturspeicher.

veröffentlicht IVZ 12.11.2002

 

"Wir alle sind Hinterbliebene"          am 12. November 2002

Manfred Schneider über den Umgang mit dem Tod im Judentum

Wenn ein gläubiger Jude den Tod nicht fürchtet, so liegt das nicht am "Eiapopeia vom Himmel", wie der Dichter Heinrich Heine den Jen-

seitsglauben verächtlich nannte. Vielmehr tröstet ihn der Gedanke an das Leben. Wie sich au der Liebe zum Leben ein tabufreier Umgang

mit dem Tod ergibt, erläutete am Dienstagabend Manfred Schneider im Dörenther Kulturspeicher. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe

"Farbentanz und Totenstille" sprach das Mitglied der münsterschen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit über Leben und

Tod in der jüdischen Religion. Begleitet wurde Schneider von dem Ibbenbürener Herbert Börger, der eindrucksvoll Psalmen und jüdische

Dichter rezitierte. Viele Gedanken im Judentum zu Leben und Tod sind dem Katholiken Manfred Schneider vertraut. Aber er stößt auch auf

wesentliche Unterschiede. So gibt es, bis auf kleinere Strömungen, im Judentum keine Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod.

Das Bilderverbot, auch ein Verbot gedanklicher Gebilde, untersagt Spekulationen über das Jenseits. Vertraut klingt dagegen das Kaddisch,

das jüdische Totengebet. Da heißt es: "Sein Reich erstehe in eurem Leben." Der gläubige Jude verfolgt dieses Ziel, indem er sein Leben

als Akt der Heiligung Gottes begreift. Wesentliche Aspekte sind die Liebe, die Freiheit und die Suche nach der Wahrheit. Die Bibel ist der

Schlüssel dazu.

So hat sich eine Jahrtausende alte Tradition der Überlieferung und der Auslegung der Geschichte Gottes mit seinem Volk entwickelt.

Arnold Zweig bezeichnet die Juden als "Lastträger Gottes", deren Aufgabe es ist, Vergangenes in die Zukunft zu tragen. Nur die Weiter-

gabe der Tradition kann einem Volk ohne Land und Grenzen seinen Fortbestand garantieren. Dazu gehört auch die respektvolle Erinnerung

an die Toten. Sterbe- und Beerdigungsrituale betonen die Verbundenheit und Gleichheit aller Menschen. "Wie alle sind Hinterbliebene", so 

Manfred Schneider. Dies drückt sich aus zum Beispiel in der "heiligen Gemeinschaft", das sind Freiwillige der Gemeinde, die dem Ster-

benden und seiner Familie beistehen, sie waschen und kleiden den Toten und hüllen die Leiche in Tücher und legen sie in den schlichten

Sarg. Wer sich bewusst verabschiedet und der Trauer Raum gegeben hat, kann irgendwann auch wieder lachen und feiern. Und so been-

dete Manfred Schneider seinen Vortrag, indem der sein Glas erhob zu dem jüdischen Trinkspruck: "Le Chaim. Zum Leben!"

veröffentlicht IVZ 14. November 2002

 

Spuk-Abend im Kulturspeicher Dörenthe        Freitag 11.01.02

Das Ensemble TextZeit mit "schaurig-schönen Erzählungen und Balladen 

Mit dem Satz des Dieners "Denn das Gespenst - waren Sie!" schließt die Erzählung "Das

weiße Haus" von André Maurois. In dieser Erzählung wird eine Frau, die immer wieder von

einem Haus in einer bestimmten Gegend geträumt hat, von seinem Diener, der dieses Haus

verkaufen soll, als das Gespenst bezeichnet, das die Besitzer vertrieben hat. Lebende als

Gespenster also? Wie das vor sich geht, erzählt der Autor in der genannten Geschichte. 

Aber ist das denn eine Spukgeschichte? Nun, am 11. Januar konnte man im Kulturspeicher

mehr darüber erfahren. Man mußte sich aber schon auf das einlassen, was Heinrich Heine 

in seiner Erzählung "Dr. Ascher und die Vernunft" über Gespenstergeschichten geschrieben

hat: "Auch erregen Gespenstergeschichten ein noch schauerlicheres Gefühl, wenn man

sie auf der Reise liest, und zumal des Nachts, in einer Stadt, in einem Hause, in einem

Zimmer, wo man noch nie gewesen. "Wieviel Grässliches mag sich schon zugetragen 

haben auf diesem Fleck, wo du eben liegst?" so denkt man unwillkürlich! Gehr es uns auch 

so, aufgeklärt wie wir sind? Haben wir auch schon solche Reise-Erfahrungen gemacht? 

Immerhin war Heine einer der aufgeklärtesten Geister des 18. Jahrhunderts. Aber wir feiern ja auch in zunehmendem Maße Halloween, 

und zwar nicht nur die Kinder. Und die Walpurgisnacht löst bei dem einen oder anderen immer noch einen leichten Schauer aus. Wie

würde es auf uns wirken, wenn, wie in Mary Hottingers Geschichte "Der Ring",

jemand zu uns sagte: "Sie missverstehen mich ... Ich bin tot."?

Die Gruppe TextZeit mit den Damen und Herren Ingeborg Grau, Jutta Lefmann,

Christel Müller, Herbert Börger, Heribert Fischer und Wilm Froese lud am

Freitagabend um 20 Uhr ein auf eine Spuk-Reise durch Deutschland, England,

Schottland, Frankreich etc. Anna Lefmann begleitete den Abend mit Liedern

und Balladen aus Irland und Schottland.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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