|
|
||||||
| Navigation | ||||||
| Jahresübersicht | Rückblick | |||||
|
Theater 2000 >> Engel mit einem Flügel machte betroffen 26.11.2000 Kulturspeicher Dörenthe lud zur Theateraufführung ein "Die haben gesagt, dass Joshua abgeholt worden ist, die haben gesagt, ich sehe ihn nie, wieder!". Knüppelhart verändern die Unmensch- lichkeiten des NaziRegimes das Leben des jüdischen Jungen Robert Goldstein. Einfühlsam und kindgerecht, aber ohne rosarote Brille, gelingt es Schauspieler Ralf Kiekhöfer vom TöfteTheater, die düstere Problematik einem großen Publikum nahe zu bringen. Hauptperso- nen des Stückes "Engel mit nur einem Flügel" sind die Handpuppen Robert und sein Vater Aaron Goldstein, Kiekhöfer selbst schlüpft während der einstündigen Darbietung blitzschnell in die Rollen des judenhassenden Mitschülers Wilhelm, des Bahnvorstehers und des menschenverachtenden Lehrers Dr. Lehmann. "Der Lehrer hat gesagt, er können einen Strich durch Joshuas Namen machen, der Jude käme jetzt nicht mehr zur Schule und wir hätten wieder etwas mehr Luft zum Atmen", berichtet Robert seinem Vater. Der Junge versteht die Welt nicht mehr: das spielen mit seiner "arischen" Freundin Anna wird ihm verboten. Langsam zieht sich die Schlinge zu, Robert muss Kontakte zu Spielkameraden abbrechen, Mutter und Schwester kehren vom unerlaubten Einkaufen bei Tage nicht mehr heim, die Gestapo steht schließlich auch vor der Kellerwohnung, der Goldsteins: „Da sind die Männer mit den schwarzen Stiefeln, ich habe Angst!" Nur zu gut können die Besucher im Dörenther Kulturspeicher die Panik nachvollziehen, Bühne und Zuschauerraum hüllen sich in Dunkel- heit, eine grelle Stablampe blitzt auf. Robert und Aaron Goldstein werden abgeholt, in einem Viehwagen mit der Aufschrift ,,8/20, T/DR, max. 120" (Achter Zug von 20 nach Theresienstadt, Deutsche Reichsbahn maximal 120 Personen), fahren sie dem Tod entgegen. Doch Robert hat Glück: bei einem kurzen Zwischenstopp des erbärmlich überfüllten Zuges, halb verdurstet und total erschöpft, gelingt ihm die Flucht in die Arme von Pierre, der Robert gemeinsam mit Ehefrau Madeleine Unterschlupf gewährt. Bedrückende Szenen, erschütternde Momente werden von Ralf Kiekhöfer, der auch die französischen Pflegeeltern mit ihrem liebenswerten Akzent verkörpert, durch gekonnte und gewollte Komik entlastet, humorvolle Intermezzi bringen die Ereignisse wieder auf den Boden des Erträglichen. Die Geschichte des jüdischen Jungen Robert Goldstein basiert auf den authentischen Erlebnisberichten des polnischen Malers Roland Topor, der die Qualen des Konzentrationslagers Theresienstadt überlebte und seine nach Frankreich geflohenen Kinder schließlich wiederfand. Titelgebend für die Inszenierung, die im März 1998 Premiere feierte, ist ein Lied von Konrad Blikircher: "Engel mit nur einem Flügel", über das Leben Topors. Glücklich waren am Freitag in zwei ausverkauften Vorstellungen des Fördervereins Kulturspeicher Dörenthe dann nicht nur die jungen Zuschauer über das Wiedersehen Roberts mit seinem schon tot geglaubten Vater nach Kriegsende. Robert arbeitet mittlerweile in einem Cafe in Paris, vom Eiffelturm aus hatte er dem lieben Gott eine Postkarte zugeworfen, in der Hoffnung, so seine Familie wiederzufinden. Göttliche Fügung oder Zufall: Aaron Goldstein wird in dem kleinen Cafe von seinem Sohn bedient. Doch: Mutter und Schwester Roberts sind dem NS-Regime zum Opfer gefallen. Tosenden Applaus gab es am Freitag für die gelungene Auseinandersetzung mit einem schwierigen Thema. Ein Lob ging auch an Dramaturgin Ulrike Speckmann, die mit eindrucksvoller Geräuschkulisse und Beleuchtung das Puppenspiel in Szene setzte. Text: Angelika Pfeiffer, veröffentlicht IVZ 27.11.2000
Gerd Overmeyer fordert zum Stellungsbeziehen auf 9.11.2000 Marlene Klatt über Ibbenbüren und die Juden im Nationalsozialismus Eine "Verpflichtung der späten Geburt" besteht darin, mit zeitlichem und analytischem Abstand Probleme aufzuarbeiten: Jahrzehntelang sind in Deutschland erschütternde Tatsachen verdrängt worden. Am Donnerstagabend rief Dr. Gerd Overmeyer vom Kulturspeicher Dörenthe e.V. dazu auf, Erinnerungen auch an schreckliche Ereignisse wach zu halten und persönlich Stellung zu beziehen, niemals passiv zu werden und einzugreifen, wo immer eine moralische Verpflichtung bestehe. Der rege Kulturspeicherverein hatte die Historikerin Marlene Klatt eingeladen, zum Jahrestag
der Reichskristallnacht am 9. November über die Judenverfolgung in Ibbenbüren
zu sprechen. Hier, im Speichergebäude am Dörenther Hafen, wurden in den 30er Jahren Besitztümer von Juden versteigert, die ihre Heimat verlassen hatten oder deportiert worden waren. So verdichteten sich an dieser Stelle Geschehnisse, Erinnerungen und die Recherchen der Histori- kerin für die gut 30 gebannt lauschenden Zuhörer, die zu der Veranstaltung gekommen waren. "Lange Schatten - Zum Umgang mit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus
und in der frühen Bundesrepublik" nannte die Doktorandin an der Uni Münster ihr Thema, bei dem sie sich in der Hauptsache auf Geschehnisse in Ibbenbüren beschränkte. Akten im Stadtarchiv Ibbenbüren, im Staatsarchiv Münster, alte Zeitungsausgaben, bisherige Publikationen (wie beispielsweise das jüngst erschienene "Rosenkranzende" von Heribert Härteis) und Zeitzeugen sind die Quellen, die Klatt für ihre Recherchen benutzt hat. Der Schriftverkehr zwischen dem Ibbenbürener Bürgermeister Dr. Müller und .dem Tecklenburger Landrat, Unterlagen der Geheimen Staatspolizei und aus dem Rücker- stattungsamt der Nachkriegszeit geben detailliert Auskünfte über Vorkommnisse in Ibbenbüren. So führte die Referentin an, dass zum 1. April 1933, als erstmalig zum reichsweiten Boykott gegen jüdische Geschäfte aufgerufen wurde, SS-und SA-Männer auch vor den Geschäften Ibbenbürener Juden Aufstellung nahmen, die allerdings klugerweise geschlossen hatten. Später wurden Kunden jüdischer Geschäfte von Parteigenossen fotografiert oder gefilmt und mit den Aufnahmen unter Druck gesetzt. Die IVZ veröffentlichte am Tag zuvor, am 31. März 1933, einen Hinweis auf die von der Reichsregierung angeordneten Filmaufnahmen. Bekannte Ibbenbürener, darunter auch Bürgermeister Dr. Müller, wurden in einer Liste veröffentlicht, weil sie trotz alledem weiterhin bei den jüdischen Metzgern Winckler und Rosenthal einkauften. Ab Mitte 1935 wurden jüdische Geschäfte auf Grund staatlicher Verordnungen nach und nach "arisiert", an Arier veräußert. Dies oft zu einem äußerst geringen "Mindestkaufpreis" und unter dem Deckmantel scheinbarer Rechtmäßigkeit, die die NSDAP festlegte. Solche ständigen Repressalien gegen die Juden in Ibbenbüren veranlassten diese schließlich, nach und nach ihre Geschäfte aufzugeben. Die Ereignisse gipfelten auch in Ibbenbüren in der Pogromnacht 1938. Die Juden Rosenthal und Ackermann wurden mit brutaler Gewalt angegriffen, ihre Häuser mit Pflastersteinen beworfen, die Wohnungen teilweise geplündert oder verwüstet. Einige Juden gingen in die Emigration, andere sammelten sich· in einem Haus am Börnebrink in Hopsten. Von dort aus wurden etliche Männer ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert und ermordet. Die Synagoge in der Schulstraße brannte am 10. November aus, weil es eine Anweisung des Bürgermeisters gegeben hatte, nicht zu löschen. Archivakten über diese Geschehnisse zeigen, dass die Aktionen von langer Hand vorbereitet und minutiös geplant waren. Wenig später wurde die Synagoge demoliert, Wertgegenstände verschwanden: Das Grundstück in attraktiver Stadtlage wurde lange Zeit als Garten genutzt, weil die einsetzende Materialknappheit und die folgenden Kriegsjahre regelrechte Aufräumund Neubauarbeiten nicht zuließen. Obwohl es andere Kaufinteressenten gab, erwarb die Stadt das Grundstück zu einem Vorzugspreis. Auch andere "arisierte" Grundstücke gelangten so in die Zwangsverwaltung durch die städtische Polizeibehörde, darunter 1939 der jüdische Friedhof, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch einige Juden in Ibbenbüren lebten. Sofort nach dem Krieg sorgten die Besatzungsmächte dafür, dass auf Grundlage des "Rückerstattungsgesetzes" Versuche zur Wiedergutmachung gemacht wurden. Die Stadt Ibbenbüren erkannte ausnahmslos sämtliche Bedingungen an und tätigte Ausgleichs- zahlungen. Andere "Käufer" arisierter Immobilien waren nicht so einsichtig, vor allem wurde in der frühen Nachkriegszeit der Zusammen- hang zwischen Judenverfolgung und Arisierung teilweise heftig bestritten. Ehemalige "Ariseure", also "Aufkäufer" jüdischer Immobilien, stellen sich als, Opfer der Zeit und der damaligen Rechtslage dar, verweisen auf das NS-System oder die Kriegszeit und lehnen eigene Verantwortung vehement ab. Hier griff die Referentin ein und forderte unsere bewusste Auseinandersetzung mit den ungelösten Fragen von Schuld und Verantwortung, um nicht weitere Schuld auf uns zu laden. Eine Möglichkeit, sich der Thematik zu nähern, besteht im Besuch der derzeitigen Ausstellung im Kulturspeicher Dörenthe, wo Künstler Raimund Egbert-Giesen noch bis 2. Dezember seine Kinderporträts zum Thema "Die dritte Schuld" zeigt. Die Ausstellung ist sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Text Annette Kleinert, veröffentlicht IVZ 11.11.2000
Wenn beim Purzelbaum die Prinzenrolle im Weg ist Kinderstück der Theaterwerkstatt im Dörenther Kulturspeicher Der Dörenther Kulturspeicher war am Sonntagnachmittag beim Hafenfest proppenvoll von Menschen. Alle wollten die Aufführung von "Him- beergeist und Prinzenrolle" sehen. Seit Montag vergangener Woche hatte der Theaterpädagoge Robert Rickert mit 18 Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren in einer Theaterwerkstatt das Stück entwickelt. Veranstaltet wurde das Projekt von der evangelischen Markus- Paulus-Gemeinde und dem Kulturspeicher Dörenthe. Vorgegeben hat Rickert nur den Titel des Stückes. Alles Übrige entsprang der Kre- ativität der Kinder. Das war es auch, worauf es Rickert ankam. Im Mittelpunkt der Aktion stand, eine Theaterwoche zu erleben. Die Kinder konnten sich im Schreiben, im Entwerfen von Kostümen und Bühnenbildern, in der Regiearbeit und im Schauspiel erproben. Das Theater- stück am Sonntag war eigentlich nur noch ein "Nebenprodukt". Aber ein durchaus ansehnliches und äußerst amüsantes. Im Mittelpunkt des Stückes stehen Prinz Karl (Lena Beßler) und das Gespenst Himbeergeist (Nora Lohmeyer). Beide reißen aus dem Schloss, in dem sie Zimmer an Zimmer wohnen, aus, weil sie von allen gehänselt werden. Der Prinz, weil er zu dick ist ("Die sagen alle Fettarsch zu mir!") - und der Geist, weil er rosa- (oder besser: Himbeer-) farben ist. Im Wald treffen die beiden Ausreißer aufeinander und klagen sich ihr Leid. Da sie beide traurig sind, kann Karl das Gespenst sehen. Der Nachwuchskönig ist unglücklich, weil er keinen Pur- zelbaum schlagen kann: Der Bauch (vornehm: Prinzenrolle) ist im Weg. Da hilft nur Training mit dem Himbeergeist - und harte Diät: "Drei Wochen Grünfutte - und der Speck ist weg!" Inzwischen steht im Königspalast ein Verdächtiger vor Gericht. Er soll Prinz Karl entführt haben. Der Angeklagte wurde aus dem Publikum herausgefischt und kann sich nicht ausweisen. "Das wird Folgen haben", droht die Richterin (Silva Haselon), und eh er sich versieht, sagen zwei Zeuginnen (ebenfalls aus dem Publikum) gegen ihn aus. Irmtraud Rickert, eine der Zeuginnen, durchschaut den Schuft aus dem Zu- schauerraum: Gucken Sie sich den doch mal an - wie der schon aussieht!" Und Pastorinnen lügen nicht. So beschließen Königin (Jo- hanna Rickert) und Richterin, dass der Angeklagte hängen soll. Applaus und "Bravo"-Rufe aus den Reihen der Zuschauer. Der Mob hat gesprochen. Schon hat der Ärmste den Strick um den Hals, als Prinz Karl und Himbeergeist ins Schloss zurückkehren. Der Zuschauer ist gerettet - und Prinz und Gespenst sind zu Freunden geworden. Auf den Schreck gönnt man sich erstmals eine Prinzenrolle... Die Zuschauer sind begeistert. Und Robert Rickert ist es auch. Mit Feuereifer waren die kleinen Akteure bei der Sache. Besonders der Wechsel vom gelernten Text zur Improvisation hat prima geklappt. Mit seiner Theaterwerkstatt möchte Rickert Kinder an das Schauspiel heranführen. Dadurch wird zugleich der Darstellernachwuchs in Ibbenbüren gefördert. Es wird bestimmt nicht die letzte Werkstatt dieser Art gewesen sein. Eine weitere Aufführung von "Himbeergeist und Prinzenrolle" kann man am Sonntag, 20. August, um 11 Uhr beim Aaseesplash erleben. Text: Maroc Beuermann, veröffentlicht IVZ 15.8.2000
Noch weiß keiner, wie das Stück zu Ende geht Theaterwerkstatt in Dörenthe Räuberinnen, Roboter, Prinzen, Hofdamen, Rennfahrer und Köche wirbeln über die Bühne. Gemeinsam entwickeln sie ein Theaterstück, schneidern Kostüme, entwerfen Masken und Kulisse, singen, tanzen, basteln und spielen eine Geschichte. "Nichts muss so bleiben wie es ist. Alles kann so sein, wie wir es wollen." Unter diesem Motto gehen 15 Kinder und fünf Erwachsene im Kulturspeicher Dörenthe seit Montag auf eine phantasiereiche und kreative Reise in eine unbekannte, chaotisch-schöne Märchenwelt. Veranstalter sind der Förderver- ein Kulturspeicher Dörenthe und die evangelische Markus-Paulus-Gemeinde. Täglich treffen sie sich sechs Stunden lang, um unter der Leitung des Theaterpädagogen Robert Rickert ein Theaterstück zu schaffen. Die Idee kam von Rickert. Er gab aber nur den Titel der Ge- schichte vor, alles weitere übernahmen die kleinen Schauspieler. Alles bereiten sie selbst vor. Dabei lernen sie, wie man seine eigene Gedanken und Ideen in ein Stück umsetzen kann. Sowohl die Kinder als auch Erwachsene, die an diesem Ferienprojekt teilnehmen, ver- wirklichen dort ihre Träume. Gestern noch wussten die kleinen und großen Schauspieler nicht, wie die Geschichte zu Ende geht. Nach und nach entstehen Fabelwesen und Figuren fremder Welten für ein Stück, das den Titel trägt "Himbeergeist und Prinzenrolle". Das The- aterstück erzählt hauptsächlich eine Lebensgeschichte eines dicken Prinzen, der von Zuhause abhaut, sowie von einer Freundschaft mit einem Gespenst. Wie das Schicksal des Prinzen verläuft, ist noch ungewiss.... Das Theaterstück wird während des Hafenfestes in Dörenthe am 13. August um 17 Uhr sowie auf dem Aasee-Splash eine Woche später präsentiert. Text: Serafin, veröffentlicht IVZ 9.8.2000
|
||||||
|
www.kulturspeicher.net | www.kulturspeicher-doerenthe.de | www.kulturspeicher.com |
||||||