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Theater 2009 >> Und die Moral von der Geschicht? 23.10.09 Ein-Mann-Stück "Nipple Jesus" stimmt nachdenklich Dieses Stück passt haargenau in eine Kunstausstellung. Denn die Kurzgeschichte "Nipple Jesus" das Engländers Nick Hornby, zum Ein-Personen-Stück bearbeitet, schildert das Geschehen um ein Skandalbild aus der Sicht eines Wachmanns. Dessen Erkenntnisse über Kunst und Kunstbetrieb servierte Rainer Galke vom Theater Ensemble Bouquet aus Osnabrück in der Regie von Sigid Graf am Frei- tagabend vor etwa 30 Zuschauern zwischen den Kunstwerken der Ausstellung "Svensk Konst" im Kulturspeicher in Dörenthe. Hornby macht seinen Ich-Erzähler zum Bestandteil eines Kunst-Happenings, das für ihn und den Zuschauer erst spät durchschaubar wird. Eine junge Künstlerin hat in pointilistischer Manier ein Collage-Bild des leidenden Christus gestaltet, bei dem erst aus der Nähe erkenn- bar wird, dass jeder Punkt eine aus Pornozeitschriften ausgeschnittene weibliche Brust ist. Zur Bewachung wird der Ex-Türsteher Dan Wilkins eingestellt, fast einsneunzig groß, zwei Zentner schwer, tätowiert, brutal und kahl geschoren. Nur in diesem Punkt entspricht der schlanke, eher zierlich und durchgeistigt wirkende Rainer Galke der Figur, die er darstellt. Eigentlich kein Problem. Doch die Art, wie Dan in seinem literatisch nicht näher motivierten Bericht Erzählgegenwart, Erzählungsgegenwart, Vergangenheit und Vorvergangen- heit ganz naiv mit erst im Laufe der Ereignisse gewonnenen Erkenntnissen mischt, verlangt absolute Glaubwürdigkeit. Nur dann stören die Brüche in Erzählung, Handlung und Philosophie nicht in der Konzentration. Da wirkt schon ein Tattoo im Stil von Keith Haring zu intellektuell. Und ei körperlichen Unterstreichungen von Erzählungsdetails aus der Vergangenheit passen nicht wirklich in die Erzählsituation, falls sie überhaupt ein probates Mittel der Veranschaulichung sind. Man könnte überlegen, ob eine einfache Lesung der orginalen Kurzgeschichte nicht besser wäre. Aber da würde die gut gelungene Schaffung des ja nicht unwichtigen Raumes fehlen. Und Galkes mimisch-gestische Charakterisierungen der Betrachter des "Nipple-Jesus". Einige dieser Kunstfreunde zucken nur die Achseln. Manche sind schon entrüstet, bevor sie die Einzelheiten überhaupt erkennen können. An- dere täuschen Abscheu vor, während sie sich eigentlich nur die "Einzelheiten" ansehen wollen. Am Ende zerstören Unbekannte das Bild und treten es mit Füßen, nachdem der Wärter durch eine Scheinattacke aus dem Raum gelockt wurde. Aber dann erfährt er, dass seine Beschützerrollr genauso Teil der Idee der Künstlerin war wie sein martialisches Aussehen und die Zerstörung des Werks. Denn das eigentliche Kunstwerk sollte gar nicht das Bild sein, sondern die Provokation und die daraus resultierende Reaktion, dokumentiert im Überwachungsvideo. Und das ist, sehr zur Schadenfreude des ausgenutzten Wärters, nichts geworden. Alles nur heiße Luft, inklusive Provokation. Empörung, Menschemverachtung und Kunst. Und die Moral? Zumindest die der Geschichte gab dem Besuchern noch einiges zu denken auf. Text: Wilm Froese, veröffentlicht IVZ 26.10.09
Man kann immer noch hoffen 08.10.09 Lesung "Tod eines Bienenzüchters" im Kulturspeicher "Man kann immer noch hoffen" ist das Prinzip des ehemaligen Lehrers und nun Bienen züchtenden Frühpensionärs Lars Westin in dem Roman "Tod eines Bienenzüchters" des schwedischen Dichters Lars Gustafsson. In die überraschende Gedankenwelt des todkranken Westin führte am Donnerstagabend im Kulturspeicher in Dörenthe der Schauspieler Ralf Melzow mit einer Lesung ein, wie immer an der Gitarre begleitet von Ernie Rissmann. Das schon an anderer Stelle im Rahmenprogramm der Dreifach-Ausstellung "Svensk Konst" ge- sehene Aufbrechen der egozentrischen Kreise vom eigenen Haus über das Dorf und das Land bis in die Welt kennzeichnet auch die fik- tiven Tagebücher des Einzelgängers Westin, die in Gustafssons lesenswerten Romans, Teil einer aus fünf Romanen bestehenden Art Autobiographie, ein anonymer Ich-Erzähler ordnet und veröffentlicht. Das verhilft im Rückgriff Westin zur Klarheit über die eigene Existenz. In der Mitte steht der Tagebuchschreiber selbst, der sich weigert, die Ursache seiner Schmerzen zur Kenntnis zu nehmen. Ralf Melzow lässt das Kreisen Westins um den Brief vom Krankenhaus fast sichtbar vor den (wenigen) Zuhörern erstehen, seinen immer schwächer werdenden Widerstand gegen die Versuchung, ihn zu öffnen und dann seinen unerwarteten Befreiungsakt, die Verwendung das ungeöff- neten Briefes als Fidibus für ein wärmendes Feuer. Melzow beschränkte sich in seiner Auswahl auf einige Aspekte und ließ die Szenen einer Ehe und den größten Teil der Reflektionen über das Tun eines Lehrers weg. An direkten sozialen Kontakten hörte man so, wenn man Westins Hund außer Betracht lässt, nur von zwei Waldarbeiterkindern. Die Familie gibt im Rückblick Anlass zu einer boshaften Auseinandersetzung mit dem schwedischen Volkscharakter, kontrastiert mit dem eines Bienenvolkes. Die schwedische Bereitschaft zum Jammern und zu Vorwürfen, die Westin für sich strikt ver- meidet, stellt Gustafsson genüsslich am Beispiel der Verwandtschaft dar. Da kann Melzow als Sprecher sein ganzes Können zeigen. Durch Klangfarbe und Diktion kennzeichnet er jede Person, doch das Karikieren überlässt er dem Text selbst. Und der Gitarrist und Gitarrenbauer Ernie Rissmann aus Münster mildert die Schärft weiter ab mit den zarten Tönen seines Instruments aus eigener Werkstatt. Ganz flach wird Melzows Stimme, als Westin ins Grübeln gerät. Wie kann man sich ohne Symbole verständlich machen? Was wäre, würde Gott alle Gebote sofort und ohne Rücksicht auf andere (Beter) erhören? Zwei sehr zum Nachdenken anregende Exkurse. Mit der Niederschrift dieser Gedanken und mit langen Spaziergängen mit dem Hund, Anlass zu wunderbaren Beschreibungen der Natur, hat Westin für sich die verbleibende Zeit gut genutzt. Ralf Melzow, der jetzt nicht mehr beim Transit-Theater in Münster, sondern an der Musikschule Steinfurt arbeitet, drängt dem Hörer trotz seiner abwechslungsreichen und präzisen Gestaltung nicht seine Interpretation auf. Man kann, wie beim Lesen, eigene Gedanken ver- folgen. Dazu bleiben kleine Pausen, die Rissmann mit zarten Tongeweben untermalt. So kann offen bleiben, ob der Bienenzüchter wirk- lich Krebs hat und stirbt. Wie gesagt, man kann immer noch hoffen. Text: Wilm Froese, veröffentlicht IVZ 10.10.09
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