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Finke: In den Grautönen ist viel Leben

Eröffnung der Ausstellung "Zwischen Farbentanz und Totenstille" im Kulturspeicher

Ungewöhnlich viele Besucher waren zur Eröffnung der Ausstellung "Zwischen Farbentanz und Totenstille" im Kulturspeicher Dörenthe ge-

kommen. Dies zeigt, dass sich auch unsere so genannte "Verdrängungsgesellschaft" in bestimmten Formen mit der unbeliebten The-

matik der Vergänglichkeit befasst. Dabei wird die farbenfrohe Malerei Klaus Münstermanns aus Ibbenbüren im Kulturspeicher  bewusst

in Kontrast gesetzt zu den verhaltener gestalteten Objekten und Fotografien der Oldenburgerin Heidi Neulinger. In seiner Einführungsrede

führte Andreas Finke diese Gegenüberstellung noch weiter. Er hob hervor, dass Farbentanz eine unbändige Fröhlichkeit, Übermut bis hin

zum Leichtsinn ausdrücke. Auf dem Farbenrausch folge der Jahreszeit gemäß die eisige Stille des Winters. Folgerichtig werde die Aus-

stellung noch vor den Toten-Gedenktagen eröffnet und ende am Ewigkeitssonntag, der im Volksmund als Totensonntag bezeichnet wird.

Durch die veränderte Kombination der Titelworte in "Farbenstille" und "Totentanz" regte Finke in besonderer Weise zum Nachdenken über

die  Bedeutungsinhalte der einzelnen Begriffe an. Trotz spontaner Parallelen sei Stille durchaus nicht gleichbedeutend mit Tod, was jeder

wisse, der die Stille kenne. Andererseits würden Lärm und Farben häufig mit Leben verwechselt. Wer sich aber die Mühe einer intensiven

Auseinandersetzung mache, entdecke leicht, wie viel Leben auch in Grautönen ist. An Hand einer Fotoserie Neulingers in Schwarz-weiß,

die drei Generationen wiedergibt, ließ sich Finkes Gedankengang besonders gut nachvollziehen. Umgekehrt enthielten auch einige der

farbenprächtigen abstrakten Bilder von Münstermann durch ihre vegetabile Formgestaltung Hinweise auf die Vergänglichkeit.

Nicht ohne auch auf christliche Aspekte der Vergänglichkeit bzw. Ewigkeit zu verweisen, schloss Finke seine Betrachtungen mit einem

Zitat aus dem Bestseller Harry Potter: "Dem wohl vorbereiteten Geist ist der Tod nur das nächste große Abenteuer". In Kombination mit

einer Serie thematisch abgestimmten Veranstaltungen wird die Ausstellung sicher auch weiterhin außerordentlich anregend auf die

Besucher wirken.

Text: Salaschek: veröffentlicht IVZ 29.10.02

 

 

 

Freier Blick auf die Vergänglichkeit        

Ausstellungs-Eröffnung im Kulturspeicher

Ein Schaudern ging durch ihre Nichte, als sie die Fotoinstallation hinter Stacheldraht betrachtete. Heidi Neulinger erinnert sich gut an

diesen Moment. Er verschaffte ihr Gewissheit, dass sie mit ihrem Kunstwerk den Kern getroffen hat. Es zeigt in einem von hinten be-

leuchteten Kasten auf einer mit Fotoemulsion behandelten, belichteten Glasplatte eine kauernde Nackte. Das Glas steckt in einem lose

aufgerollten Stück Stacheldraht. Dieses Objekt ist in der Ausstellung "Farbentanz und Totenstille" zu sehen, die am Samstagnachmittag

im Kulturspeicher eröffnet wurde. Gezeigt werden Fotografien von Heidi Neulinger und Gemälde von Dr. Klaus Münstermann, ihrem Bruder,

der in Ibbenbüren wohnt.

In der Vernissage am Samstagnachmittag plädierte Pfarrer Andreas Finke für einen anderen, freieren Blick auf die Vergänglichkeit. Der

Theologe stellte in Frage, was allgemein angenommen wird: dass Stille gleich Tod sei, und Farbe gleich Leben. Die Antwort konnten die

zahlreichen Besucher in der Ausstellung selbst finden. So beschäftigen sich die Schwarz-Weiß-Fotografien von Heide Neulinger eindring-

lich mit dem Prozeß von Werden und Vergehen und bezeugen damit die Liebe zum Leben. Da ist das Portrait eines Säuglings, das 

flüchtig wirkt wie ein Skizze, weil durch die Unterbelichtung nur wenige Züge sichtbar sind. Daneben ein verwischtes Bild einer jungen

Frau, voller Dynamik. Und schließlich, nach einer großen Lücke, das Portrait einer Greisin. Hier scheint alles stillzustehen, deutlich zu 

erkennen sind ihre Falten und ihre Weisheit.

Ohne Farbe und voller Leben sind die zwölf Momentaufnahmen aus einer Fußgängerzone: Ein Vater mit seiner Tochter auf den Schultern,

ein altes Ehepaar, einige Einzelgänger, eine Mutter mit ihrem Kind an der Hand. Die Szene verändert sich ständig, ist in Bewegung, fast

hektisch. Nur im Hintergrund bleiben zwei Frauen stehen, ins Gespräch vertieft. In direkter Nachbarschaft zu dieser Serie befinden sich

drei Steine an der Wand, mit Abdrücken von schweren Ketten. So flüchtig und leicht die Zeit auf diesen Fotos erscheint, so liegt das

Leben in ihr doch wie in Ketten, scheinen die Steine zu mahnen.

In der Mitte des Raumes hängen große Fotowürfel mit blühenden Rosen, knospendem Farn. Von hier geht der Blick in den Nachbarraum

mit der eigenwillig beleuchteten Ausstellung der Gemälde von Klaus Münstermann. Das Licht kommt von vier Baustellen-Scheinwerfern, 

die in die Ecken des Raumes leuchten. Der Honorarprofessor für Pädagogik an der Universität Osnabrück ist seit 1997 künstlerisch tätig,

ebenso wie seine Schwester. Viele seiner großformatigen Bilder zeigen zunächst Chaos, aus dem sich dann Augen, Vögel und andere

Figuren lösen, oftmals auch andeutungsweise ein Kreuz. Klaus Münstermann legt sich nicht fest. Er verrät nichts von dem langen Prozess

vom ersten Impuls bis zur "Entlassung" eines Werkes. "Die Interpretation liegt beim Betrachter." Und so sind ihm die Assoziationen der

Betrachter willkommen, die im senkrecht fließenden Grau das Nichts erkennen, und in einem anderen das Fegefeuer. Dazwischen steht

ein drittes Gemälde am Boden, das mit seinem vorherrschenden Grün von Leben spricht. Über dieser Gruppe schwebt einen Schritt

weiter ein viertes Bild im gleichen Format. Es ist ein Kreuz in hellen Rot-Tönen, leicht und unaufdringlich. Das Kreuz soll weder hier noch

an anderer Stelle die endgültige Antwort auf alle Fragen liefern. Es ist mehr ein Impuls für den Betrachter.

Darin sind sich die Geschwister bei aller Verschiedenheit ihres künstlerischen Schaffens einig: Bei der Beschäftigung mit dem Rätsel des

Lebens schauen sie genau hin, lassen die Betrachter an ihren Suchbewegungen teilhaben, ohne jemanden auf eine Erkenntnis fest-

nageln zu wollen. Gerade das macht die Ausstellung empfehlenswert.

Text: Gudula Benning, veröffentlicht IVZ 28.10.2002

 

 

                                                                                                                        

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